Unterricht 2.0


Bildquelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-P049542 / Weinrother, Carl / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons


Konnektivistisches Lernen / Problembasiertes Lernen

Schaut man sich das Bild oben an und erinnert man sich an die eigene Schulzeit, dann hat sich seit 1960 in unseren Schulen nicht viel geändert
Unterrichtet wird im frontalen Unterricht: Vor den Lernenden steht im Klassenzimmer, im Seminarraum oder im Audimax ein Lehrer, Dozent oder ein Professor, der zu vor "seinen" Schülern Faktenwissen über ein bestimmtes Thema referiert. 
In einem solchen Szenario, bei dem gemäß des "Sender-Empfänger-Modells" der Dozent oder Lehrer spricht und die Lernenden mitschreiben und zuhören, ist es nicht oder nur bedingt möglich, den Vortrag zu unterbrechen und Fragen zu stellen, wenn etwas nicht verstanden worden ist.
Aber nicht nur an der Methodik, sondern auch in den Klassenzimmern selbst hat sich nicht viel verändert: Praktische und robuste, aber meist unbequeme in ihrer Höhe nicht verstellbare Stühle und Tische, eine Tafel, eine Pinwand. 

Das ganze ist heut etwas farbiger und bunter als in der Fünfzigern, doch tragen solche Räume nicht gerade zum Verweilen ein. Individuellen Bedürfnissen der Schüler oder auch der Lehrer tragen solche Räumlichkeiten nicht gerade Rechnung. Schlimmer noch: Oft hallt es in den Räumen, man kann sie nur schwer verdunkeln oder im Sommer verschatten.  Tanja Jovanovic von der Pädagogischen Hochschule Weingarten bemerkt dazu folgendes:
"Es liegt in der Veranlagung des Menschen, sich ein Heim zu schaffen, es individuell und gemütlich einzurichten. Ein Zuhause, auf das er stolz sein kann, in dem er sich wohl und sicher fühlt. Ein Ort, an dem er sich zurückziehen oder Beziehungen pflegen kann.

Gerade Kinder und Jugendliche brauchen für eine gesunde Entwicklung dieses Gefühl in besonderem Maße. Und doch verbringen sie einen Großteil ihrer Zeit in Räumen, die weder Rückzugs- noch Kommunikationsmöglichkeiten bieten. Wo ein „Wohlfühlen“ nicht möglich ist."

Quelle: Bildungsserver Baden Württemberg

Ein weiteres Manko der Möblierung der meisten Klassenräume ist in der Tatsache zu sehen, dass oft Zweiertische statt Einzeltische zu finden sind, da die "normale" Sitzordnung mit Blick nach vorne das erfordert.
Sauber aufgereiht wie die Perlen auf der Schnur sitzen die Schüler nun vor dem Lehrer und hören zu oder schreiben von der Tafel oder dem Overheadprojektor ab. Alle Lernenden sind im Blick des Lehrers, der die Kontrolle über da Geschehen hat - oder zumindest zu haben glaubt ... .
Doch ist nicht gesagt, dass eine Lerngruppe, die still und "diszipliniert" dasitzt, auch wirklich etwas lernt. Schon Goethe wusste: "Die Gedanken sind frei".

So scheint also das Hauptproblem des traditionellen Unterrichts darin zu bestehen, dass alle "normiert" im "Gleichschritt" geschehen soll: So sollen alle Schüler einer Lerngruppe zur gleichen Zeit das Gleiche lernen und tun, trotz zum Teil extrem ausgeprägter Unterschiede hinsichtlich der individuellen Lernvoraussetzungen, Kompetenzen und Interessen.
Hier lässt sich die Herkunft der Schule aus dem preußischen Bildungssystem manchmal auch heute noch nicht verleugnen: "Im Gleichschritt, marsch!“, heißt die Devise.

Standardisiert, Normalisiert und Egalisiert wird aber auch im  Interesse der "Abprüfbarkeit“ des Wissens: Hier wird alles getan, um  Unterschiede zu nivellieren, um "Vergleichbarkeit" zu schaffen.
Ein solches Vorgehen gaukelt dem Lehrer zwar eine Vergleichbarkeit vor, doch geht diese Kanonisierung leider zu Lasten der "Überflieger", aber auch zu Lasten der "Under-Achiever" und langsameren Lerner - und last but not least - zu Lasten der Unorthodoxen, die auf Kriegsfuß mit dem System stehen, weil sie einfach "anders" sind oder sein möchten und die vielleicht gerade in dem einen einen oder anderen Fach mehr oder weniger Interesse zeigen und so über Defizite verfügen.

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Trotz intensiver Recherche leider keine Bildquelle des Cartoon gefunden :-(


 

Die Karikatur oben beschreibt zwar das angelsächsischen Schulsystem, lässt sich aber ohne größere Probleme auch auf das deutsche Schulsystem übertragen. Das Lustige ist, dass sie humorvoll aufzeigt, wie eine scheinbare Gleichberechtigung hergestellt werden soll:
Ein Rabe, ein Affe, ein Pinguin, ein Elefant, ein Goldfisch, eine Robbe und ein Hund erhalten die gleichen Chancen, indem sie alle dieselbe Prüfungsaufgabe zu bewältigen haben: sie müssen einen Baumbestiegen.
Auf die Schule in Deutschland bezogen versucht man nun angesichts der Heterogenität der Potenziale der Schüler das Problem durch eine  individuelle Förderung der verschiednen "Schüler" auszugleichen, damit in der Schule gestellte Aufgaben von allen gleichermaßen gelöst werden können.
Doch auch mit der größtmöglichen Förderung wird ein Goldfisch niemals "lernen", auf einen Baum zu klettern.

Albert Einstein sagte einmal dazu: "Everyone is Genius. But if you judge a fish by ist ability to climb a tree it will live its whole life believing  that it is stupid."

Genau das trifft auch auf die einzelnen Voraussetzungen zu, die Kinder mitbringen; Sie werden nicht oder nur in wenigen Fällen überhaupt beachtet und vom Curriculum berücksichtigt.

Es wird zwar immer und überall von Chancengleichheit gesprochen, doch bei genauerer Betrachtung ist es fast unmöglich diese mit den althergebrachten Mittel zu garantieren.
Statt den Fisch im Bäumeklettern zu prüfen und ihm dadurch zum Verlierer zu machen, sollte er lieber im Schwimmen geprüft werden, denn das ist sein Element. Ein wenig Theorie übers Baumklettern schadet bestimmt nicht und würde dann das Gesamtergebnis nur noch ein wenig abrunden.

Wie in der Karikatur dargestellt, muss man also die Frage aufwerfen, ob unser Schul- Bildungssystem überhaupt gerecht sein kann oder es jemals sein wird, da nie alle Kinder die gleiche Voraussetzungen haben werden.

Statt also starre Curricula abzuprüfen, sollte man lieber die natürlichen Stärken und Dispositionen der Schüler ermitteln und es ihnen ermöglichen, auf dem für sie besten Wege zu lernen - abhängig davon welcher Lerntyp sie sind und über welche Begabungen sie verfügen.

Das hört sich utopisch an scheint in der Praxis - jedenfalls unter Beibehaltung des bisherigen Schulsystems - nicht umsetzbar zu sein.
Dank der digitalen Medien, einer Abkehr von starren Curricula und starren 45-Minuten-Taktungen und der konsequenten Einführung von Formen des selbstständigen Lernens könnte ein  individualisierter Unterricht, in dem der einzelne Lerner stärker zu seinem Recht kommt, aber möglich werden. Akzeptiert man die Unterschiedlichkeit der Schüler und ihrer Lernvoraussetzungen als Segen nicht als Fluch, kann eine große Vielfalt erreicht werden und man baut Furstrationspotentiale ab. Ein kollaboratives und sozial engagiertes Lernen mit und von einander fördert die „Starken“ genau so wie die „Schwachen“.

Leistungsstarke Schüler schalten, wenn sie verstanden haben, worum es geht, nicht mehr ab, sondern geben ihr Wissen an die langsamen Lerner weiter und  profitieren somit auch von ihnen, nicht nur, weil sie selbst helfen und erklären, sondern auch indem sie ihren eigenen Horizont durch andere Sichtweisen, Perspektiven und Kompetenzen erweitern.
Gruppenarbeit darf also nicht mehr in der herkömmlichen Weise ablaufen, dass ein motivierter guter Schüler die Arbeit erledigt und die anderen davon profitieren, ohne selbst einen Beitrag geleistet zu haben. 

Wenn sich alle einbringen müssen,  wird die Qualität der Arbeit gesteigert, weil verschiedene Kompetenzen zusammenkommen und Raum für ein besseres und differenzierteres Arbeitsergebnis schaffen.