Der Raum als dritter Pädagoge


Auf die Atmosphäre kommt es an! Lernen soll Spaß machen! Schule sollen die den Kndern von den Neurobiologen und Didaktikern bescheinigten unglaublichen Talente der Schülerinnen und Schüler entdecken und fördern! 

Laut Olaf Axel Burow von der Univeristät Kassel kommen alle Kinder mit einer unglaublichen Lust am eigenen Entdecken und Gestalten zur Welt. Gemäß seiner Auffasung ist der Mensch nie wieder so so neugierig und so entdeckerfreudig und so gestaltungslustig und so begeistert davon, das Leben kennen zu lernen, wie am Anfang seines Lebens, während einer Phase, die Burow in seiner Publikation "Digitale Dividende" "Pädagogik 1.0 nennt. Auf diese erste Phase folgt dann die Pädagogik 2.0, welche staatliche Schulwesen bezeichnt, das für alle Schüler einheitliche Lehrpläne und Bildungsstandards vorschreibt und in diesem Sinn der »Logik der industriellen Massenproduktion« folgt (Burow, 2014). 

Dass Burow damit auch rein räumlich gesehen recht hat, zeigt ein Blick in die meisten Schulen. Die meisten Klassenräume sind zweckmäßig und kasernenartig eingerichtet, die meist betagten und schon ein wenig mitgenommenen Schulmöbel stehen in Reih und Glied und vermitteln eher die Atmosphäre eines Bahnhofswartesaals als eines Ortes, an dem man sich wohlfühlen und verweilen möchte und der der Neugier und der lernfreude der Kinder und Jugendlichen förderlich sein könnte.

Professor Dr. Richard Stang von der Hochschule der Medien bemerkt dazu: "Lernräume [werden] an sehr traditionellen Vorstellungen vom Lernen orientiert. Die Lernräume erinnern dann an Computerräume, die monofunktional ausgerichtet sind. Innenarchitektur sowie Möblierung bieten wenig Innovatives" (Stang, 2014 ). Doch im Angesicht der Tatsache, dass der Wandel von der Industrie- zu Informationsgesellschaft das Lernen so notwendig wie nie zuvor gemacht hat, scheinen die Voraussetzung für das Gelingen des Lernens vielerorts vernachlässigt zu werden. Dazu merkt Stang an: "Die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse erfordern neue Perspektiven im Kontext des lebenslangen Lernens. Die Gestaltung von Lernwelten, die ein breites Spektrum an  Informations-,  Bildungs- und Bertungsaugeboten abdecken, wird eine zemrale Herausforderung" (Stang, 2014).

Neben den bisher vor allem in den Focus genommenen extrinsischen Verfahren zur Verbesserung der Lernleistungen müssen also die Bedingungen, also Erfahrungs- und Gestaltungsräume, geschaffen werden, die die intrinsische Motivation der Kinder zum Lernen und Gestalten, zum Mitdenken und Mitgestalten wecken und stärken.  

Margret Fell, Professorin für Erwachsenenbildung/Außerschulische Jugendbildung an der KU Eichstätt-Ingolstadt fordert in diesem Sinne, dass bei der "Planung und Gestaltung von materiellen Räumen"  darauf zu achten sei, dass diese "nach pädagogisch-andragogischen Ansprüchen physikalisch, ästhetisch, funktional und extrafunktional so zu arrangieren sind, dass sie auf Bildungsprozesse einen förderlichen Einfluss haben.“ (Margret Fell, 2015) Sie sieht „Bildungsräume als didaktische Stützfunktion, wenn diese günstige Konstellationen schaffen für eine am selbstgesteuerten Lernen orientierte erarbeitete Weiterbildung“ (ibid).

Angesichts dieser wissenschaftlich verifizierbaren Fakten wurde an der Freiherr-vom-Stein-Schule neben der Einführung der iPads als zentrales Lernmedium und der Ausrichtung des Unterrichts an modernen pädagogisch didaktischen Vorstellungen des kollaborativen und dezentralen Lernens im Rahmen der Gegebenheiten großer Wert auf die Gestaltung der Lernräume gelegt. Die Räume des E-Traktes waren zwar funktional, aber nicht gerade wohnlich. So wurde beschlossen, eine Farbkonzeption für die Räume zu entwickeln, die dann nach und nach auf alle Räume der iPad-Klassen ausgeweitet werden sollte. Die Renovierung der Räume wurden von den Schülern vorgenommen, es wurden orangefarbene Stühle und neue Tische beschafft, in den Klassenräumen fanden Blumen ihren Platz und vieles mehr wurde initiiert, um die eingangs erwähnte Atmosphäre zum Lernen zu schaffen.

Die Genese unserer iPad-Klassenräume wird in den nebenstehenden Artikeln beschrieben. 

 


  • Margret Fell, „Andragogische Grundüberlegungen zu einer lernförderlichen Gestaltung von umbauten Bildungsräumen“, in Lernräume – Gestaltung von Lernumgebungen für Weiterbildung, hrsg.
  • Burow Olaf-Axel (2014) Digitale Dividende ein pädagogisches Update für mehr Lernfreude in der Schule, Verlag BelzAndreas Diettrich, Wolfgang Wittwer und Markus Walber (Wiesbaden: Springer VS, 2015), 43.
  • Eigenbrodt, Olaf/Stang, Richard (Hrsg.) (2014): Formierungen von Wissensräumen. Optionen des Zugangs zu Information und Bildung. Berlin/Boston (http://www.degruyter.com/view/product/203967)
  • Richard Stang: "Hybride Lernwelten. Organisation von Weiterbildung jenseits des klassischen Kursgeschäfts. In: K. Dollhausen/T. C. Feld/W. Seitter (Hrsg.): Erwachsenenpädagogische Organisationsforschung. Wiesbaden 2010, S. 317-330